Hamza Hamza

Vom Versuch das Bekannte mitzunehmen und einem „System-Übersetzer“ mit leisen Aufgaben

Als Hamza Hamza in das Büro von Pro Social Business trat, hatte er einen dünnen Aktenordner unter dem Arm. Darin sammelte er, was von seinem früheren Berufsleben übrig war: Zertifikate, Lehrunterlagen, behördliche Schreiben aus Syrien. Ein anderer Kontinent, ein anderes Leben. Und doch immer noch Teil von ihm.

Die PSB-Gründungsexpertin Karin Silvestri bat ihn Platz zu nehmen. Dann stellte sie eine einfache Frage: „Was haben Sie bisher beruflich gemacht, was können Sie?“
Hamza legte den Ordner auf den Tisch, öffnete ihn langsam – und erzählte.

Er sprach von der Behörde für Exportförderung und Marketing, die er geleitet hatte. Von Studierenden, denen er Internationale Beziehungen und Finanzen beigebracht hatte. Von Unternehmen, die er aufgebaut hatte. Er sprach ruhig, fast sachlich. Die Erfahrung saß tief; das Leben hier schien weit davon entfernt.

Doch gerade in dieser Distanz begann die eigentliche Arbeit.

Der Versuch, das Bekannte mitzunehmen

Zunächst wollte Hamza etwas tun, das nah an seiner Herkunft lag: Alepposeife importieren, ein Produkt, das er kannte, das er verstand. Doch mit den Gesprächen tauchten langsam andere Fäden auf. Nicht Waren, sondern Menschen. Nicht Produkte, sondern Situationen, in denen man Orientierung braucht. Seine Erfahrung als Hochschullehrer: erklären, strukturieren, ruhig bleiben. Sein juristisches Vorwissen: Zusammenhänge sehen, Rechte verstehen, Entscheidungen abwägen.

„Vielleicht,“ sagte seine Beraterin eines Tages, „liegt Ihre Stärke nicht im Import. Sondern im Übersetzen.“
Nicht von Sprache – sondern von Systemen. Dieser Satz blieb hängen.

Ein unsichtbarer Beruf, der passt

Nach und nach nahm eine neue Idee Form an: gesetzliche Betreuung und Rechtsdienstleistungen für syrisches Recht. Ein Feld, das man nicht in Schaufenstern sieht. Aber eines, das Nähe verlangt. Vertrauen. Geduld.

Hamza begann Weiterbildungen, finanzierte vieles davon per Ratenzahlung. Das Jobcenter hatte anfangs Zweifel und wollte seine Weiterbildung zum gesetzlichen Betreuer zunächst nicht bezahlen. Doch seine Beharrlichkeit und sein Ehrgeiz waren größer und er begeisterte schließlich auch seine Sachbearbeiterin und deren Abteilungsleitung. Er sprach mit Betreuern, mit Gerichten, mit Menschen, die in solchen Situationen Unterstützung brauchen. Er merkte, wie selbstverständlich ihm das fiel: zuhören, erklären, Unsicherheiten auffangen.

Arbeit, die Zeit braucht

Heute öffnet Hamza morgens die Tür zu seinem Büro in Mannheim und weiß: Seine Arbeit beginnt selten mit Formularen. Sie beginnt mit Geschichten.

Da ist die ältere Frau, die sich in Behördenpost verliert. Der Mann, der nach einem Unfall seine Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln kann. Die Familie, die syrisches und deutsches Familienrecht gleichzeitig verstehen muss.

Es sind leise Aufgaben. Und doch entscheidend.

Hamza nimmt sich Zeit. Mehr, als in vielen Kalkulationen vorgesehen ist. Manche Gespräche dauern so lange, wie sie eben dauern. Er sieht das nicht als Zusatz, sondern als Teil seiner Arbeit.

„Ich bin glücklich, wenn meine Kunden zufrieden sind“

Fünf Jahre arbeitet er nun ohne Unterbrechung und Urlaub in diesem Beruf. 

Heute ist er deutscher Staatsbürger. Seine Frau arbeitet als Erzieherin für die Stadt Mannheim. Die Kinder besuchen die Schule; eines besucht das Gymnasium. Wenn man Hamza fragt, was ihn antreibt, spricht er selten von seiner beruflichen Vergangenheit. Er spricht von den Menschen, die ihm ihre Sorge anvertrauen. Von der Dankbarkeit. Vom Vertrauen, das entsteht, wenn man Zeit hat und aushält.

Vielleicht war es nie der Plan, dass sein Berufsleben in Deutschland so aussieht.
Aber vielleicht ist genau das die Art Geschichte, in der ein neuer Anfang nicht laut beginnt – sondern still, in einem kleinen Büro, in dem jemand fragt:

„Was können Sie?“

Und jemand antwortet – erst zögerlich, dann klarer –, bis ein ganz neuer Weg sichtbar wird.